Klangschrift: „Will We Fade? / Werden wir untergehen?“

Text & Kontext: Irma Link – Contemporary Calligraphy Artist

Ich habe genickt,
aber nicht zugehört.

Ich habe geantwortet,
aber war längst woanders.

Ich habe dich gesehen.
Und trotzdem bist du mir entglitten.

Vielleicht beginnt es so.

Nicht mit dem großen Bruch.
Nicht mit einem Abschied, der einen Namen hat.
Nicht mit dem Moment, in dem jemand geht.

Eher mit etwas Kleinem.

Einem Blick,
der nur kurz bleibt.

Einem Satz,
der fast ankommt.

Einer Stimme,
in der mehr liegt,
als wir hören.

Und dann geht der Tag weiter.

Das Gespräch geht weiter.
Die Nachricht wird beantwortet.
Die Tür fällt ins Schloss.
Das Wasser kocht.
Das Telefon liegt in der Hand.
Irgendetwas ruft schon wieder.

Und irgendwo dazwischen
ist ein Mensch ein wenig blasser geworden.

Vielleicht kennen Sie das.

Dieses leise Erschrecken,
wenn man erst später begreift:

Da war etwas.

Jemand wollte gesehen werden.
Jemand wollte bleiben.
Jemand hat sich mitgeteilt,
nur für einen Moment.

Und ich war nicht ganz da.

Oder andersherum:

Ich war doch da.

Mit meiner Stimme.
Mit meinem Körper.
Mit allem,
was zwischen den Worten lag.

Ich war doch da.

Und trotzdem bin ich ein Stück verschwunden.

Genau aus diesem inneren Raum kommt für mich
„Werden wir untergehen? / Will We Fade?“.

Acryltusche auf Leinwand, 50 x 70 cm, 2025

Klangschrift „Werden wir untergehen? / Will We Fade?“ von irma link, Acryltusche auf Leinwand, 50 x 70 cm, 2025

Am Anfang war Klang.

Eine Stimme.
Ein Rhythmus.
Ein Druck im Oberkörper.
Etwas, das sich nicht erklären wollte,
aber sichtbar werden musste.

Miteinander.
Distanz.
Angst.
Rückkehr.
Alleinsein.

Dieses nackte Gefühl,
gesehen werden zu wollen
und nicht sicher zu sein,
ob der andere wirklich bleibt.

Aus diesem Klang wurde Farbe.
Aus Farbe Bewegung.
Aus Bewegung eine Spur,
die nicht stillhält.

Ein Rot zieht durch das Bild.

Wie ein Weg,
der schon begonnen hat.

Es kommt von links.
Es steigt von unten.
Es trifft sich.
Es stockt.

Für einen Augenblick
ist das Fließen unterbrochen.

Detail aus „Werden wir untergehen? / Will We Fade?“ mit roter unterbrochener Bewegung und verdichteter Linienstruktur

Und dann geht es weiter.

Nicht leicht.
Nicht gelöst.
Aber weiter.

Vielleicht ist das der Punkt,
an dem mich das Werk am stärksten trifft:

Etwas ist unterbrochen.
Und trotzdem wirkt es weiter.

So ist es manchmal auch zwischen Menschen.

Ein Gespräch bricht nicht ab,
aber etwas darin verliert Wärme.

Eine Nähe bleibt bestehen,
aber sie wird dünner.

Ein Blick ist da
und beginnt doch zu verschwinden.

Siehst du mich noch?

Diese Frage steht für mich im Zentrum.

Nicht laut.
Nicht als Vorwurf.
Eher wie ein Ton,
der im Raum bleibt,
auch wenn niemand mehr spricht.

Siehst du mich noch?

Wenn ich leiser werde.
Wenn ich mich zeige.
Wenn ich nicht sofort erklären kann,
was gerade in mir geschieht.

Siehst du mich noch,
oder siehst du nur,
dass ich da bin?

Das ist ein Unterschied.

Da sein
und gesehen werden
sind nicht dasselbe.

Antworten
und wahrnehmen
sind nicht dasselbe.

Berührt werden
und nur reagieren
sind nicht dasselbe.

Vielleicht verblassen wir selten auf einmal.

Vielleicht verblassen wir in kleinen Momenten.

Wenn wir unterbrechen,
bevor etwas wirklich ausgesprochen ist.

Wenn wir hören,
aber der andere nicht in uns ankommt.

Wenn wir Nähe für selbstverständlich halten,
weil sie jeden Tag da ist.

Wenn wir vergessen,
dass Zeit nicht nur vergeht,
sondern Menschen mitnimmt.

In „Werden wir untergehen? / Will We Fade?“ liegt für mich genau diese Unruhe.

Ein helles Blau,
wie Wasser,
wie Tiefe,
wie etwas,
in das man hineingerät,
bevor man es bemerkt.

Ein Sonnengold,
das bleibt.

Kein Trost.
Eher ein Lichtrest.

Etwas,
das noch antworten könnte.

Detail aus „Werden wir untergehen? / Will We Fade?“ mit hellblauer Fläche, Sonnengold und einem verblassenden Blick

Und da ist ein Blick.

Beobachtend.
Wach.
Und an einer Stelle:
verblassend.

Ein Blick, der schwindet.

Das berührt mich,
weil Wahrnehmung genau dort beginnt.

Im Blick.
In der Bereitschaft,
wirklich hinzusehen.

Nicht nur auf ein Gesicht.
Nicht nur auf eine Geste.
Sondern auf das,
was zwischen zwei Menschen geschieht.

Spüren wir überhaupt noch,
was zwischen uns geschieht?

Diese Frage geht aus dem Bild heraus.

Sie geht mit.

In einen nächsten Satz.
In ein nächstes Gespräch.
In den Moment,
in dem jemand neben uns sitzt
und wir spüren könnten:
Jetzt braucht etwas meine ganze Anwesenheit.

Vielleicht ist das die eigentliche Schärfe dieses Werkes.

Es sagt nicht:
Alles ist verloren.

Es sagt:
Merkst du es?

Merkst du,
wo etwas blasser wird?

Merkst du,
wo du selbst kaum noch fühlst?

Merkst du,
wo jemand vor dir steht
und du ihn trotzdem verlierst?

Das ist keine kleine Frage.

Sie reicht in unsere Gegenwart.
In unsere Beziehungen.
In unsere Art,
einander zu begegnen.

In die vielen Augenblicke,
in denen wir entscheiden,
ob wir weitergehen
oder bleiben.

Ob wir nur reagieren
oder wirklich antworten.

Ob wir einen Menschen vor uns
als selbstverständlich nehmen
oder noch einmal neu ansehen.

Ich glaube,
darin liegt die helle Kraft dieses Werkes.

Nicht darin,
dass es beruhigt.

Sondern darin,
dass es weckt.

Solange wir merken,
dass etwas verblasst,
ist noch etwas wach.

Solange eine Frage in uns arbeitet,
ist noch Bewegung möglich.

Vielleicht beginnt Verbindung genau dort wieder:

in dem Moment,
in dem wir nicht weitergehen.

In dem wir den Blick halten.

In dem wir den Satz hören,
der unter dem Satz liegt.

In dem wir spüren:

Du bist da.

Ich bin da.

Und was zwischen uns geschieht,
ist kostbar.

„Werden wir untergehen? / Will We Fade?“ bleibt für mich an dieser Schwelle.

Als Frage.
Als Störung.
Als Erinnerung.

Eine Frage an die Zeit.
Die wir in jedem Moment beeinflussen können.

„Werden wir untergehen? / Will We Fade?“ ist Teil der Werkreihe SenseYou. Eine Übersicht der Klangschriften ist HIER zu finden.